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Dieses Thema hat 2 Antworten
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 Rayy's Geschichtsstunde
Rayydar Offline

Generalspammarschall


Beiträge: 11.802

19.12.2013 17:39
Leningrad und das Tagebuch der Tanja Sawitschewa Antworten

Jeder kennt zumindest dem Namen nach das Tagebuch der Anne Frank. Weitgehend unbekannt ist jedoch eines, das trotz oder gerade wegen der wenigen, kurzen Einträge genauso erschütternd ist: die Aufzeichnungen der 12-jährigen Leningrader Schülerin Tatjana Nikolajewna Sawitschewa. Von den neun Einträgen protokolliert je einer den Hungertod von sechs Familienangehörigen, die letzten drei sind ein bitteres Fazit:

Zitat von Tanja Sawitschewa
- Schenja starb am 28. Dezember um 12.00 vormittags 1941.
- Großmutter starb am 25. Januar, 3 Uhr nachmittags 1942.
- Ljoka starb am 17. März um 5 Uhr vormittags 1942.
- Onkel Wasja starb am 13. April um 2 Uhr nach Mitternacht 1942.
- Onkel Ljoscha am 10. Mai um 4 Uhr nachmittags 1942.
- Mutter am 13. Mai um 7.30 vormittags 1942.
- Die Sawitschews sind gestorben.
- Alle sind gestorben.
- Nur Tanja ist geblieben.

Tanja selbst wurde im August 1942 evakuiert, starb aber im Juli 44 an den Folgen der Entkräftung.

Die Familie Sawitschew war kein Einzelfall. Insgesamt starben während der Hungerblockade vom September 1941 bis Januar 1944 ca. 1,1 Millionen Zivilisten, allein im Januar und Februar 42 je 96.000 - insgesamt mehr als Soldaten und Zivilisten zusammengenommen in / bei Stalingrad.

Die zentrale Frage ist: War dies seitens der Wehrmacht ein vorsätzlicher Völkermord, d.h. ein Kriegsverbrechen? Oder war die Belagerung schlicht eine militärische Notwendigkeit mit einer ungeheuren Anzahl von 'Kollateralopfern'?

Militärische Alternative?
Vorstellbar ist nur eine: die Eroberung Leningrads. Es leuchtet zunächst ein, dass die auf 'Blitzkrieg' gedrillte Wehrmacht vor verlustreichen Straßenkämpfen und anschließender Partisanentätigkeit im riesigen Stadtgebiet Leningrads zurückschreckte - vgl. Stalingrad oder auch die heutigen Zustände in Bagdad und Kabul.

Aber: Bei Stalingrad hat man genau solche Überlegungen zurückgestellt und auf Biegen und Brechen, ohne Rücksicht auf Verluste die Eroberung der Stadt versucht, die strategisch weit sinnloser war als eine Einnahme Leningrads. Die Wolga hätte man auch nördlich und südlich der Stadt sperren können, während die endgültige Ausschaltung der sowj. Baltischen Flotte und vor allem ein Nachschubhafen Leningrad m.E. einen gewissen Nutzen gebracht hätte. Rüstungsbetriebe gab es in beiden Städten; diese hätte man mit Artillerie und Bombern weitgehend ausschalten können, was ja 'nebenbei' auch getan wurde.

Es muss also etwas anderes hinter der Entscheidung stecken, Leningrad auszuhungern - und da bleibt leider nur der menschenverachtende Vernichtungskrieg der Nazi-Führung im Allgemeinen und Hitlers Einstellung gegenüber Leningrad im Besonderen. Bezeichnend auch die Aussage des späteren Widerstandskämpfers (!) Gen. Eduard Wagner:

Zitat von Gen. Wagner
Zunächst muß man ja Petersburg schmoren lassen, was sollen wir mit einer 3 1/2 Mill. Stadt, die sich nur auf unser Verpflegungsportemonnaie legt. Sentimentalitäten gibt’s dabei nicht

Demzufolge wurden gezielt (!) Lebensmittellager bombardiert wurden sowie unter dem Aspekt 'Demoralisierung' Kindergärten, Schulen, Betriebe und Straßenbahnhaltestellen [Wikipedia]. Wer den Briten deren moral bombing vorwirft, sollte immer auch an Warschau, London und Leningrad denken (über Rotterdam und Coventry kann man diskutieren), denn das kam vorher!

Was im Wiki-Artikel nur am Rande erwähnt wird: Ungeachtet des Munitionsmangels an Frontbrennpunkten schoss auch die deutsche Artillerie 'fleißig' nach Leningrad hinein.

Fazit:
Eines der entsetzlichsten Kapitel im insgesamt entsetzlichen Zweiten Weltkrieg, und allemal kein Ruhmesblatt für Nazi-Apologeten, die Kriegsverbrechen gern allein den Alliierten zuschreiben.

IN CAYYSARE VERITAS

Pavel Offline

Literaturmajor


Beiträge: 1.496

19.12.2013 18:20
#2 RE: Leningrad und das Tagebuch der Tanja Sawitschewa Antworten

Danke ersteinmal für die Inspiration, leider gibt es kein Buch dazu, sie hat wohl einfach zu wenig geschrieben.
Adolf hat die strategische Gesamtlage immer durch zwei Brillen gesehen.
Einmal die der Ausrottung und Vermeidung von "unnötigen Essern".
Des anderen der stetige Zwang Kräfte freizumachen für andere Operationen, Fronten zu begradigen, Ressourcen zu erlangen.
Die Historiker sagen ganz klar, Leningrad war -auch- eine Schlüsselentscheidung die es zu erringen galt.
Fällt Leningrad bis Ende 1941, dann würde auch der Feldzug siegreich beendet.
Ich denke, hier überwog allerdings bei Adolf der Aspekt der Aushungerung, spätere Plattmachung, Umwandelung in einen größeren See(Ralph Giordano/Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte. Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg. 1989, ISBN 3-462-02944-4.).

"Das medial in höchste Erregung versetzte Volk ist als Souverän eine Fehlbesetzung."

Sloterdijk 2013

Rayydar Offline

Generalspammarschall


Beiträge: 11.802

19.12.2013 18:47
#3 RE: Leningrad und das Tagebuch der Tanja Sawitschewa Antworten

Ausrottung und Vermeidung von "unnötigen Essern":
3,3 Millionen umgekommene, meist verhungerte sowj. Kriegsgefangene hätten das bestätigen können.

Kräfte freizumachen für andere Operationen:
Grundsätzlich sinnvoll, aber m.E. hätte eine Besetzung und 'Befriedung' Leningrads mit Front nach außen genauso viele Kräfte gebunden wie die Einschließung.
Ich meine nicht, dass die Belagerung völlig sinnlos war. Aber hätte man diese nicht mit einem Mindestmaß an Humanität durchführen können, z.B. mit Zulassung von Lebensmittelkonvoys inkl. gründlicher Inspektion auf Waffen? Im Krieg gegen die Westalliierten gibt es solche Beispiele - was einmal mehr beweist, dass im Osten letztlich nur die sowj. "Untermenschen" ausgerottet werden sollten.

Fronten zu begradigen:
Aber nur mit Raumgewinn (Zitadelle), nie mittels Rückzug!

IN CAYYSARE VERITAS

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